Kultur unter dem Primat der Ökonomie -WTO, OECD und ISO* 9000 ff - endet in Nihilismus und Barbarei. Wird nicht entschieden gegengesteuert, führt der digitale Kapitalismus in eine ungeheure Unmenschlichkeit. Irak, Tschetschenien und Palästina zeigen den Weg. Je länger die reiche Minderheit den Armen die Gerechtigkeit verwehrt, desto unangemessener wird deren Gegenwehr. Ökologie ist die einzig verantwortbare Ökonomie, weil sie menschliches Maß hat.

Es gibt z.Zt. einen tief greifenden Epochenwandel, der nur gelten lässt, was sich rechnet, und der verhindert und zerstört, was keinen Profit bringt. Wir befinden uns auf dem Weg von der Wertegesellschaft zur Wertpapiergesellschaft. Statt dieser neuen Religion entschieden entgegenzutreten, die alle Werte und Institutionen, die offiziell noch im chritlich-humanistisch geprägten Europa gelten verhöhnt und Zug um Zug schleift, surfen nun sogar Kirchenobere auf der Welle des Ökonomismus mit, öffnen dem “Teufel“ des Materialismus die Tore ins Allerheiligste.

Gesucht wird von einer wachsenden Zahl von Menschen heute mehr denn je eine Kirche, die um das Erwachsenwerden der Menschen im religiösen und im gesellschaftlichen Sinne besorgt ist. Projekte konfliktorientierter Erwachsenenbildung müssen die Kirchen in einen tiefreichenden Konflikt bringen, denn:

„Bildung kann niemals neutral sein. Entweder sie ist ein Instrument zur Befreiung des Menschen, oder sie ist ein Instrument seiner Abrichtung für die Unterdrückung“ (Paulo Freire).

Die Grundtvig-Stiftung will Menschen, die “nichts zu sagen haben“, lehren, “das Wort zu nehmen“, das ihnen verweigert worden ist; das Wort, das den Konflikt, durch den sie sprachlos geworden sind, zur Sprache und damit zur Austragung bringt. Diese “Sprachschule der Freiheit“ ist nicht neutral: Konfliktorientierte Erwachsenenbildung ist ihrem Wesen nach parteiergreifende Erwachsenen bildung, indem sie nämlich Partei für den einzelnen Menschen ergreift.

*International Standard Organisation

 


Ulrich Jochimsen

Klaus-Groth-Str. 12
24937 Flensburg,
den 4. September 04

An den
Schleswiger Bischof Dr. Hans Christian Knuth
Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Vorsitzender der Nordelbischen Kirchenleitung

 

Sehr geehrter Herr Bischof Knuth,

ich danke Ihnen für Ihren Beitrag im heutigen Flensburger Tageblatt zum blutigen Ende des Geiseldramas im Kaukasus: Jetzt gilt das Gebot der Gewaltfreiheit.

Ich schreibe Ihnen, weil Sie mir Hoffnung geben, die beabsichtigte Gleichschaltung der politischen Erwachsenenbildung zur ideologischen Absicherung der Festung Europa zumindestens für den Bereich der ev. Kirche noch zu verhindern, da Sie auffordern:

-Aufmerksamer leben. Dankbarer genießen. Freier reden. Unserer Vergänglichkeit ins Auge sehen. Und uns gegenseitig trösten und halten. ... -Wer will uns aus solcher Not frei und lebendig machen? Das tust du Herr, alleine. ... -Umso wichtiger ist ... die Analyse der Konfliktursachen, die den Terror begünstigen. ... -In dieser Situation ist der kirchliche Einsatz für Frieden und Versöhnung, weltweit, aktueller und dringlicher denn je. Die Kirche könnte zur Politisierung, statt zur Militarisierung der Konflikte beitragen. ... -Jesus predigt die Gewaltlosigkeit, ja mehr noch: den Gewaltverzicht! Um dieses einzig möglichen Weges willen, wie Menschen in Wahrheit zusammen leben können, hat er selber Gewalt erlitten ...

Sehr geehrter Herr Bischof Knuth, ich bin bewegt, froh und ein wenig stolz, dass der Bischof meiner angestammten Kirche öffentlich so spricht und begründet fordert:

Das Christentum hat in seiner Geschichte gegen diese eigene Botschaft und Erkenntnis in vielfacher Weise verstoßen und unter Mühen lernen müssen, sich dazu zu bekennen und sich zu verwandeln. Jetzt ist es eine wichtige Aufgabe der Kirche, das Gebot der Gewaltfreiheit bei sich selbst und in der Kultur der Gesellschaft zu verankern.

Denn wie Sie richtig sagen: Auf uns allen ruht eine große Verantwortung, die Koexistenz der verschiedenen Völker, Religionen und Kulturen einzuüben und alle Ungerechtigkeiten zu vermeiden und wiedergutzumachen, die sonst die Trennung vertieft und in Ohnmacht und Verzweiflung führt.

Sie schreiben mir aus vollem Herzen: Erschütternd ist die Unmenschlichkeit, die in dem terroristischen Überfall auf die Schule zum Ausdruck kommt. Die völlige Maßlosigkeit der Gewalt; doch Ihrem darauf folgenden Halbsatz, die an kein Ziel und keine Strategie mehr gebunden scheint, gebeich zu bedenken: Sind es nicht auch verzweifelt-verirrte SOS-Signale erlittener ungeheurer Ungerechtigkeiten, die wir nicht hören, sehen und begreifen wollen? deren Botschaft an uns jahrelang mittels political correctness zugetextet werden, damit unser Mitleid nicht zur Erlösung von dem Bösen führt, der von uns ausgeübten strukturellen Gewalt? Was muss noch geschehen, bis wir einen grundlegenden Wandel herbeiführen, und sei es nur, um dann zukünftige potentielle Opfer -dort wie hier - vor möglichem Schaden zu bewahren?

Als beruflich weitgereistem Ingenieur kann ich nicht übersehen, dass alle Konflikte, ob im Kaukasus, Nahen Osten, Sudan und/oder Kongo aus unserem exessiven Rohstoff- und gewalttätigen Energieverbrauch abstammen und je länger desto schlimmer werden. Während die USA offen und die EU verdeckt die “militärische Option“ immer aggressiver verfolgen, muss die Kirche Jesus Christus sich entscheiden gegen die Kirche Konstantins des Großen: Jetzt und immer wieder Jetzt, bevor der heilige Geist Jesus Christus aus ihr völlig verschwindet. Sind wir seit dem 4. Jahrhundert nicht die erste Generation, die das offen und ohne unmittelbare Gefahr für Leib und Leben aussprechen kann?

Mit freundlichen Grüssen

Ulrich Jochimsen

Anlage Meine Schrift (Stand: 31.8.04): “Deutschland erfolgreich auf dem Weg zur existentiellen Armut / hier: mittels Zertifizierung politischer Erwachsenenbildung in “evangelischer“ Verantwortung“